Sparkurs „verzögert“ Heeresaufbauplan
https://orf.at/av/video/onDemandVideoNews97698
Die Baustellen des Bundesheers
21.9.2026, 7.15 Uhr
Ö1 Morgenjournal
Martina Pecile: "Sieben Uhr und 15 Minuten ist es jetzt. Wir kommen nach Österreich.
Jahre der Veränderungen liegen hinter dem Bundesheer. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine sieht man sich wieder ernsthaft militärisch bedroht. Das hat dem Heer zugleich wieder Bedeutung und Geld eingebracht. Rudolf Striedinger hat diese Entwicklungen als oberster Offizier des Bundesheeres miterlebt. In wenigen Tagen tritt der Generalstabschef in den Ruhestand. Auch sein Nachfolger, Harald Vodosek, hat jedenfalls genug zu tun. Felix Novak mit einem Überblick über die Baustellen des Bundesheers."
Felix Novak: "Es gab schon einfachere Zeiten für einen Generalstabschef. Die Herausforderungen lassen sich mit zwei Worten zusammenfassen: Personal und Geld. Beim Personal dreht sich die Debatte bekanntlich seit mehr als einem Jahr um die Wehrdienstverlängerung."
Christian Stocker: "Das Ziel ist, dass diese Wehrdienstreform mit 1. Jänner 2027 in Kraft tritt."
NOVAK: "Hat Ende Juli Kanzler Stocker, ÖVP, verkündet. Aber zuletzt konnte sich die Koalition nicht auf Details verständigen. Von einer Einigung mit einer Oppositionspartei ganz zu schweigen.
Gestern haben die Regierungsparteien wieder verhandelt. Ein Ergebnis ist danach nicht bekannt geworden. Bisher dürfte es vor allem an der Aufteilung der geplanten drei zusätzlichen Monate scheitern. Also ob und wie der sechsmonatige Grundwehrdienst verlängert wird und wie viel Zeit dann für regelmäßige Milizübungen übrig bliebt.
All das wirkt sich auf die Abläufe im Bundesheer aus. Mit entsprechenden Vorlaufzeiten nach einem Beschluss.
Unklar ist beim längeren Wehrdienst auch die Finanzierung. Und Geldprobleme gibt es nicht nur dort. Nach Jahren mit deutlichem Budgetplus stockt die Aufrüstung zuletzt. Zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts - das war das Ziel für 2032. Doch das ist jetzt schon außer Reichweite. Das zeigt der Landesverteidigungsbericht, aber auch Finanzminister Marterbauer, SPÖ, sagt im Juni offen:"
Markus Marterbauer: "Da sind wir etwa bei 1,2 Prozent im Moment. Und das ist im Wesentlichen stabil für die nächsten Jahre."
NOVAK: "Um den Aufbauplan zu erfüllen, bräuchte es zusätzlich 13 Milliarden Euro. Und dann wären da noch die Langstrecken-Luftabwehr und die Nachfolge der in die Jahre gekommenen Eurofighter, mit in etwa noch einmal dieser Summe. 2030 wird Österreich das einzige Land sein, das noch Jets der ersten Tranche einsetzt. Das macht Reparaturen immer schwieriger und die Einsatzbereitschaft immer fraglicher. Eine Einigung mit dem Finanzministerium ist auch hier nicht in Sicht."
https://orf.at/av/audio/159376
https://oe1.orf.at/player/20260921/844837/1789967740000
Striedinger: Alle Teile des Heeres aufbauen
21.9.2026, 7.17 Uhr
Ö1 Morgenjournal
Martina Pecile: "Und bei mir im Studio ist jetzt der scheidende Generalstabschef des Bundesheers, Rudolf Striedinger. Schönen guten Morgen!"
General Rudolf Striedinger: "Guten Morgen, Frau Pecile."
PECILE: "Herr Striedinger, knapp vier Jahre waren Sie Generalstabschef und damit auch oberster militärischer Berater des Verteidigungsministeriums. Mit Blick auf die vielen Baustellen beim Bundesheer: Gehen Sie zufrieden in den Ruhestand?"
STRIEDINGER: "Ich glaube ich kann sehr zufrieden in den Ruhestand gehen. Ich betrachte ja meine gesamte Dienstzeit von immerhin 47 Jahren. Und die war eine sehr schöne Dienstzeit, mit allen Herausforderungen, die wir in diesen vielen Jahren hatten. Aber insbesondere die letzten vier Jahre waren sehr schöne Jahre, sehr erfolgreiche Jahre, aus meiner Sicht. Und wir haben sicherlich viel weitergebracht."
PECILE: "Gerungen wird ja immer noch um die Wehrdienstreform. Wir haben's gerade gehört im Beitrag. Gestern hat es dazu wieder ein Regierungstreffen gegeben. Es fehlt noch an den Details. Wissen Sie, was dabei rausgekommen ist?"
STRIEDINGER: "Nein. Ich bin in diese Verhandlungen nicht involviert. Das sind rein politische Verhandlungen. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis. Aber die grundsätzliche Aussage, dass wir neun Monate in Zukunft haben werden, ist schon einmal sehr viel wert und ein großer Gewinn für uns."
PECILE: "Wir sind wohl alle gespannt, was da rauskommen wird. Jetzt wird aber doch schon sehr lange über diese Reform verhandelt. Haben Sie Verständnis dafür?"
STRIEDINGER: "Die politische Entscheidung dafür ist offensichtlich sehr schwierig. Und mir ist lieber, wir kommen nach längerer politischer Diskussion zu einem guten Ergebnis für das Bundesheer, als wir hätten überhaupt nichts."
PECILE: "Politisch ist ja der Plan, dass die Reform mit 1. 1. 2027, also eigentlich bald, in Kraft tritt. Sollte das wirklich der Fall sein, was würde denn das für die jungen Männer in der Praxis bedeuten, in Österreich?"
STRIEDINGER: "Es müssen ja viele Gesetze noch gemacht werden, beschlossen werden. Und wenn alles optimal ginge, dann könnten wir davon sprechen, dass wir mit 1. 1. '27 auf gesetzlicher Basis eine Beschlussfassung haben und ein Inkrafttreten haben. Das bedeutet dann für uns, dass wir in weiterer Folge uns überlegen - was wir jetzt auch schon tun - wie wir diese gesetzlichen Vorgaben umsetzen in die Realität. Was automatisch bedeutet, dass wir erst im Laufe des Jahres 2027 erste Grundwehrdiener einrücken haben, die da nach diesem neuen Modell tatsächlich ihren Wehrdienst leisten werden."
PECILE: "Das heißt, es wird noch ein bisschen länger dauern, bis das Bundesheer für einen längeren Wehrdienst dann bereit ist."
STRIEDINGER: "Absolut, ja."
PECILE: "Wie lange wird es denn dauern, bis die Reform dann auch Wirkung auf die österreichische Wehrfähigkeit zeigt?"
STRIEDINGER: "Das beginnt dann sukzessive. Mit dem Einrücken jener Soldatinnen und vor allem Soldaten, die Wehrpflichtigen, die dann in der Summe neun Monat Dienst leisten, in welcher Stückelung auch immer, wird die Verteidigungsfähigkeit und damit die personelle Basis des Bundesheeres laufend verstärkt."
PECILE: "Die Mission 2032+ sollte das Bundesheer zukunftsfähig machen. Das nötige Geld dafür wird es aber, laut Finanzministerium, jetzt einmal nicht geben. Mit welchen Auswirkungen? Kann das Bundesheer Land und Leute dennoch ausreichend schützen?"
STRIEDINGER: "Ja, selbstverständlich. Das Bundesheer ist jeden Tag in einem gewissen Ausmaß einsatzbereit. Wir steigern diese Einsatz ... Verteidigungsfähigkeit täglich. Wir bemühen uns alle sehr.
Natürlich spielt, neben der personellen Komponente, natürlich auch die materielle Komponente eine wesentliche Bedeutung. Und es wird durch die Reduzierung der Budgettangenten zu einer Verzögerung der Umsetzung des Aufbauplans kommen. Aber wir verlieren das Ziel nicht aus den Augen."
PECILE: "Jetzt wird eben zusammengestrichen, kann man sagen. Nur Bereiche mit höchste Priorität werden voll finanziert, etwa die Drohnenabwehr. Wie kann man aber rechtfertigen, dass dafür andere Teile, etwa die Beschaffung von Kampfdrohnen, außen vor bleibt?"
STRIEDINGER: "Wir bemühen uns hier, einen augewogenen Mix in allen Waffengattungen, in allen Bereichen des Bundesheeres zu finden, sodass alle Teile des Bundesheeres sukzessive und gleichmäßig aufgebaut werden. Natürlich gibt es Schwergewichtsbereiche. Insbesondere jene, wo wir derzeit kaum etwas haben - bodengebundene Luftverteidigung beispielsweise. Das ist ein Schwerpunkt, gar keine Frage. Noch dazu wo die Bedrohung unmittelbarer ist, als bei den Landstreitkräften. Aber trotzdem müssen alle Teile des Bundesheeres gleichmäßig aufgebaut werden."
PECILE: "Ausständig ist ja auch noch eine Entscheidung über die Eurofighter-Nachfolge. Was ist ... wann ist denn damit zu rechnen? Und welche Abstriche muss das Bundesheer hier hinnehmen?"
STRIEDINGER: "Es ... ich hoffe, dass im Laufe jedenfalls dieser Legislaturperiode eine Entscheidung über das Nachfolgemuster getroffen wird. Sie ist essentiell, weil sonst werden wir nicht rechtzeitig den Ersatz unserer Eurofighter sozusagen einsatzbereit haben. Das ist ein entscheidender Punkt, weil die Luftverteidigung ein wesentliches Element unserer Gesamtstrategie ist."
PECILE: "Und in dieser Legislaturperiode auch wichtig die Entscheidung, weil wenn das ... wenn man sich jetzt nicht einigen kann, wird das nicht auch in Wahlkampfzeiten noch viel schwieriger werden?"
STRIEDINGER: "Das ist Luftverteidigung und Verteidigung insgesamt, ist aus meiner Sicht nicht wirklich ein Wahlkampfthema. Sondern ist ein Thema, das die gesamte Republik und damit auch alle, die hier Verantwortung tragen, wahrnehmen müssen. Und daher gehe ich davon aus, dass wir in dieser Legislaturperiode eine Entscheidung haben werden."
PECILE: "Rudolf Striedinger war das, noch bis Ende September Generalstabschef des Bundesheers. Danke für Ihren Besuch im Studio und alles Gute!"
STRIEDINGER: "Vielen Dank!"
https://orf.at/av/audio/159378
https://oe1.orf.at/player/20260921/844837/1789967850000