Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei, der Feind ausgeschaltet und Bromberg befreit. Die Operation gilt als gelungen, laut Simulationssystem gab es neun Tote und 19 Verletzte aufseiten der Angreifer. In der Nachbesprechung wird lange darüber diskutiert, wie diese Opfer hätten vermieden werden können, Generalmajor Philipp Ségur-Cabanac zeigt sich dennoch zufrieden.
Der Kommandant der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt trägt die Verantwortung für die jungen Offiziersanwärter, denen hier das Führen im Ernstfall beigebracht wird. „Einige kleine Fehler gab es schon“, sagt er.
Fehler, die so früher eher nicht passiert wären.
Auf dem Weg nach Bromberg hatten sich die Angreifer „verorientiert“, wie es im Militärjargon heißt. Der Zug verpasste eine Abzweigung, die schweren Truppentransporter mussten auf der schmalen Straße wenden und zurückfahren. „Verorientiert“ hat sich in den Augen der Soldatinnen und Soldaten auch das ganze Land. Nach Jahrzehnten des Sparens sucht Österreich einen neuen Weg im Umgang mit der Landesverteidigung.
Die Einsparungen haben dem Bundesheer zugesetzt, es fehlt an Ausrüstung, Expertise und gut ausgebildetem Personal. „Durch das Zusammenschrumpfen ist viel wertvolles Wissen verloren gegangen“, sagt Ségur-Cabanac. Früher habe es mehr Übungen im Gelände gegeben, in den vergangenen Jahren seien die Soldaten in die Kasernen „verräumt“ worden. Militärübungen wie jene in der Buckligen Welt sind selten geworden, jetzt sollen sie wieder jährlich stattfinden.
Soldaten im Vorgarten, Panzer auf den Straßen, Schusswechsel im Wald – muss das sein?
Um sich auf den Ernstfall vorzubereiten, sei das Üben im echten Gelände nötig, sagt Ségur-Cabanac. Das habe auch die Bevölkerung erkannt. Im Trainingsgebiet im südlichen Niederösterreich sei man mit offenen Armen empfangen worden. In der Marktgemeinde Pitten gab es eine Feldmesse, danach Frühschoppen und Waffenschau, Gasthäuser luden zum Fußballschauen.
„Das Bundesheer ist wieder präsenter geworden, denn die Menschen sorgen sich um die Sicherheit Europas“, sagt der Kommandant der Militärakademie. Die Übungen für den Einsatz zur Landesverteidigung hätten einen beruhigenden Effekt auf die Bevölkerung: „Wir erfahren viel Zuspruch hier in der Buckligen Welt.“
Das Bundesheer, so scheint es, hat sein Image signifikant verbessert, das sagen auch die jungen Soldaten. Das Heer sei jetzt beliebt, erzählt ein junger Oberleutnant. „Früher wurden wir als Trotteln gesehen, die nur saufen, heute gelten wir als Profis.“ Vor ein paar Tagen sei er beim Friseur im Dorf gewesen, dort habe man ihm für seinen Dienst gedankt. „Das zweite Mal in meiner Karriere“, sagt der Mann, der seit 2019 beim Bundesheer ist. Die Bevölkerung habe die Bedrohungslage erkannt und ihre Einstellung gegenüber den Soldaten geändert.
„Die Zeiten der Folklore sind vorbei“
Österreichs Bundesheer hatte lange etwas Folkloristisches. Sichtbar wurden die Truppen am Nationalfeiertag bei der Waffenschau am Wiener Heldenplatz, relevant wurden sie bei Überschwemmungen oder nach Stürmen, wenn sie Katastrophenhilfe leisteten.
Doch mit Russlands Angriff auf die Ukraine ist die Welt durcheinandergeraten. Die Bedrohungslage hat sich auch für Österreich verschärft, und alle Parteien sind sich einig, dass mehr in die Landesverteidigung investiert werden muss. Die Krise hat das Bundesheer aufgewertet und ihm zu neuem Selbstbewusstsein verholfen. Plötzlich gibt es mehr Geld, und den Soldaten wird wieder zugehört.
„Die Zeiten der Folklore sind vorbei“, sagt Oberst Markus Reisner. Er steht im Schatten und beobachtet Soldaten am Rande eines Maisfeldes. Bei der Übung wird ein Drohnenangriff simuliert, die Männer schießen mit Knallmunition auf ein herannahendes Fluggerät und laufen dann Richtung Wald, um sich im Unterholz zu verstecken. In den vergangenen Jahren wurde Reisner zum bekanntesten Gesicht des Österreichischen Bundesheeres, der Imagewechsel ist zu großen Teilen ihm zu verdanken.
Für deutschsprachige Medien ist er ein gefragter Gesprächspartner, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht. Reisner gibt pausenlos Interviews, erklärt die Entwicklungen an der Front, spricht im deutschen Fernsehen. Auch profil hat ihn in den vergangenen fünf Jahren regelmäßig interviewt.
Ein Radfahrer kommt den Hügel hinauf, sieht die Soldaten am Wegrand: „Hey Burschen, was macht’s ihr da?“ Der Ton ist freundlich, auch das habe sich verbessert, sagt Reisner. Die Bevölkerung müsse an das Bundesheer glauben, dann würde auch die Bereitschaft steigen, mehr Geld in die Landesverteidigung zu investieren.
Rund 1,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gibt Österreich aktuell dafür aus. Heuer fließen 4,76 Milliarden Euro in die Landesverteidigung, im kommenden Jahr 5,3, für 2028 sind 5,43 Milliarden geplant. Damit liegt das Heeresbudget auf einem Rekordhoch, vorgesehen war allerdings noch mehr. Im Landesverteidigungsbericht waren 6,2 Milliarden für 2027 und fast sieben Milliarden für 2028 disponiert. Bis 2032 soll das Verteidigungsbudget zwei Prozent des BIP ausmachen, das wären aktuell ungefähr zehn Milliarden Euro. Doch dieses Ziel ist mit dem neuen Sparbudget in weite Ferne gerückt.
Die Stimmung ist trotzdem gut, immerhin hat das Heer zuletzt einiges an Ausstattung bekommen, mehr ist geplant (siehe Grafik). Besonders stolz sind die Soldaten auf die kürzlich beschaffte Magni-X-Drohne aus Israel. 315 Stück stehen dem Bundesheer jetzt zur Verfügung, am Wechsel kommen sie zum ersten Mal bei einer Übung im Gelände zum Einsatz. Die Aufklärungsdrohne mit Wärmebildsensor, zehn Kilometer Reichweite und einer Flugdauer von bis zu einer Stunde schwirrt über das Maisfeld. Bald beginnt die Ausbildung von 600 Drohnenpiloten.
Kriege werden nicht mehr in erster Linie mit Panzern geführt, sondern mit Drohnen, das zeigt sich in der Ukraine. Nur: Worauf bereitet sich das Bundesheer eigentlich vor? Glauben die Soldaten etwa, dass Russland in Österreich einmarschieren könnte?
Es ginge nicht um den weitflächigen Einmarsch von Truppen, sagt Reisner, sondern um hybride Angriffe und räumlich begrenzte, kleinere Aktionen. Einen hybriden Krieg gegen Europa führt Russland bereits, Cyberangriffe auf die kritische Infrastruktur, Spionage und Sabotageakte nehmen zu.
Wie der Krieg nach Österreich kommen könnte, beschreibt der Militärexperte Franz-Stefan Gady in seinem kürzlich erschienenen Buch „Überfall“. In Gadys Szenario greift Russland Litauen an, es kommt zum Krieg gegen die NATO – und Österreich wird wegen seiner geografischen Lage mit hineingezogen. Die Neutralität schützt in diesem Gedankenspiel nicht, im Gegenteil.
Russland attackiert die Nachschubrouten, sprengt etwa die Europabrücke auf der Brennerautobahn und den Tauerntunnel. Russische Agenten greifen Kasernen, Bahnhöfe und Donauhäfen an. Ein paar Hundert Saboteure, ein paar Dutzend Drohnen und Marschflugkörper sowie Cyberangriffe genügen, um Österreich außer Gefecht zu setzen.
Gadys Beschreibungen eines möglichen Krieges in Österreich sind nicht aus der Luft gegriffen. Im Verteidigungsministerium befasst man sich mit ähnlichen Szenarien, und im „Aufbauplan 2032+“, der Strategie des Bundesheeres zur Landesverteidigung, werden die von Gady beschriebenen Gefahren ebenfalls genannt.
Auch Oberst Markus Reisner hält ein Szenario wie in „Überfall“ für möglich. In der Bevölkerung, glaubt er, setze sich die Erkenntnis durch, dass die Neutralität Österreich nicht vor Angriffen schützt.
Soldaten beim Üben der passiven Drohnenabwehr: Flucht in den Wald (Wolfgang Paterno)
„Für das Zusammenspiel der Soldaten braucht es die Milizübungen.“
Generalleutnant Erwin Hameseder, Milizbeauftragter
In den vergangenen Wochen hat Gadys Buch viel Medienaufmerksamkeit erhalten. Gelesen hat es auch Generalleutnant Erwin Hameseder. Der Raiffeisen-Generalanwalt ist Milizbeauftragter des Österreichischen Bundesheeres, Gadys Szenario hält er für durchaus wahrscheinlich. „Wir müssen uns leider darauf vorbereiten“, sagt er im Gespräch mit profil. Im Jänner legte eine Expertenkommission unter Hameseders Führung ihre Vorschläge zur Reform der Wehrpflicht vor: acht statt bisher sechs Monate Grundwehrdienst, dazu zwei Monate verpflichtende Milizübungen. Doch seither ist nichts geschehen.
Die ÖVP steht hinter dem „8 plus 2“-Modell, SPÖ und Neos wollen davon offenbar nichts wissen. Vor Kurzem hat die SPÖ vorgeschlagen, die Milizübungen im Ausmaß von zwei Monaten wieder einzuführen, aber den Wehrdienst bei sechs Monaten zu belassen. Und die Neos wollen gar eine Grundsatzdiskussion über die Landesverteidigung – und schlagen eine europäische Berufsarmee vor. Hameseder gibt sich fassungslos. „Für das Zusammenspiel der Soldaten braucht es die Milizübungen“, sagt er. In sechs Monaten Grundwehrdienst seien Soldaten nicht ausreichend ausgebildet, um im Gefecht zu überleben. Die Vorschläge von SPÖ und Neos seien nicht nachvollziehbar.
„Man konnte in gutem Glauben davon ausgehen, dass das Parlament innerhalb weniger Monate über das ,8 plus 2‘-Modell abstimmen wird“, sagt Hameseder. Mittlerweile ist ein halbes Jahr um, und bald gehen die Abgeordneten in die Sommerpause. Zuletzt soll eine Einigung immerhin näher gerückt sein. „Keine Entscheidung ist keine Option“, sagt Hameseder. Die Blockade schade dem Vertrauen der Bevölkerung in die Verteidigungsfähigkeiten des Landes.
Angeregt wurde die Debatte über eine Änderung der Wehrpflicht, weil die Miliz de facto nicht mehr funktioniert. Unter dem damaligen Verteidigungsminister Günther Platter (ÖVP) wurden die verpflichtenden Übungen 2006 abgeschafft, seither finden sich nicht genug Soldaten für die Miliz. In der Krise wird das zunehmend zum Problem.
In der Generation der etwa 35-Jährigen mangle es an Offizieren, sagt ein Soldat, der Ende der 1980er-Jahre zum Bundesheer stieß. Deshalb fehle es am Unterbau, an Leuten mit Fachausbildung. In den 1990er-Jahren gab es jährlich noch bis zu 300 Bewerber an der Militärakademie, mit dem Sparkurs sank die Zahl dramatisch, teilweise waren es gerade einmal 20 Kadetten pro Jahrgang. Aktuell steigen die Zahlen der Bewerberinnen und Bewerber wieder, 130 waren es beim Aufnahmeverfahren im Juli 2025, heuer sollen es rund 180 sein. Das Interesse daran, sich zum Offizier ausbilden zu lassen, ist so hoch wie seit 30 Jahren nicht mehr.
Was treibt die jungen Leute zum Heer?
„Ich will wissen, wozu ich fähig bin und was ich leisten kann“, sagt Elisabeth. Die 25-Jährige hat ein Jahr Grundwehrdienst und Kaderanwärterausbildung hinter sich, nun will sie die Aufnahmeprüfung für die Militärakademie absolvieren. Am Freitag vor einer Woche steht Elisabeth auf einem Pinzgauer, dem legendären Geländefahrzeug des Bundesheeres aus den 1960er-Jahren, hinter einem Maschinengewehr und sichert die Hauptstraße. Im Büro sei es ihr schnell fad geworden, sagt sie, als Soldatin sei es spannender.
Ein aufregendes Arbeitsumfeld ist für viele junge Menschen ausschlaggebend dafür, sich für das Bundesheer zu verpflichten. Doch das Heer ist auch ein sicherer Arbeitsplatz mit vergleichsweise gutem Gehalt und Aufstiegschancen. Nach der Matura habe er eigentlich studieren wollen, erzählt ein junger Soldat eines Panzergrenadierbataillons, doch seine Eltern hätten sein Studium nicht finanzieren können. Beim Bundesheer habe er sich geschickt angestellt, sein Vorgesetzter habe ihm empfohlen, sich bei der Militärakademie zu bewerben. Drei Jahre später war er Offizier. Heute ist er Oberleutnant und bereut seine Entscheidung nicht. „Im Heer sehen wir einen Wandel“, sagt der 25-Jährige, „es geht jetzt um etwas.“ Mit dem Krieg in der Ukraine und der Bedrohungslage in Europa werde es gefährlich, glaubt er. Man brauche ihn.
Noch bedeutet der Dienst an der Waffe stundenlanges Warten auf einen imaginären Feind. Die Tarnfarbe verschwimmt in der Hitze, die Waffen sind im Anschlag, die Knallmunition liegt bereit.
Kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass es im Rahmen der Militärübung am vergangenen Donnerstag einen tragischen Unfall gab. Ein Truppentransporter stieß mit einem zivilen Motorradfahrer zusammen, der Mann starb.