, in: Militär Aktuell, H 3 (2023), p. 48
Das beginnt wohl schon bei der Detektion.
Kollmann: Definitiv. Ein Radar braucht große Reflexionsflächen, um zu funktionieren. Drohnen haben aber nur sehr kleine Flächen, oder sie bestehen überhaupt nur aus Styropor oder anderen nicht reflektierenden Materialien. Zudem haben Drohnen nur sehr minimale "Killzonen". Sie stecken in vielen Fällen auch mehrere Treffer ein, ohne abzustürzen, was in Kombination mit ihrer Größe und mit ihren unvorhersehbaren Flugbewegungen die Abwehr nicht gerade vereinfacht. Wir haben uns dem Problem zuleztt aber in mehreren größeren "Red Flag-Übungen" unter anderem mit unseren Remote Weapon Stations gewidmet und interessante Erfolge erzielt.
Sie meinen die Waffenstation von Pandur und Husar?
Kollmann: Der Pandur Evolution verfügt bereits über eine neuere Version der Waffenstation. Die Tests in Allentsteig wurden mit der älteren Version durchgeführt und haben gezeigt, dass wir mit gewissen Adaptierungen - ich spreche etwa von einem angepassten Laser Rangefinder und verbesserten Target Tracker - auf kurze Entfernung durchaus Wirkung entfalten können.
Damit wären wir wieder bei einer Art Fliegerabwehr aller Truppen, oder?
Kollmann: Richtig. Da geht es um die Selbstverteidigung auf kurze Distanzen. Um dabei die Wirkung zu erhöhen, werden wir dieselbe Waffenstation auch mit einem Granatmaschinengewehr und Airburst-Munition testen.
Wird es parallel dazu - insbesondere mit Blick auf die Bedrohung durch Drohnen - auch Investitionen in nicht-kinetische Abwehrmaßnahmen geben?
Kollmann: Auch da sind wir dran, die Rede ist von C-EAT (Anmerkung: Countering Emergency [sic!] Air Threats), die entsprechenden Planungen laufen in einer anderen Abteilung. Es wird dabei in jedem Fall um Identifizierung, Aufklärung und Lagebild gehen, aber auch um aktive Gegenmaßnahmen mit Störer, Jamming, Spoofing, Fangdrohnen und dergleichen. Da gibt es auch konkrete Projekte dazu ...
Juster: ... und die entsprechende Vorhabensabsicht sollte zeitnah kommen.
Was ist im Nah- und Nächstbereich (SHORAD - Short Range Air Defence und VSHORAD - Very Short Range Air Defence) sonst geplant, auch mit Blick auf die zuvor bereits angesprochenen 24 Stück 35-Millimeter-Kanonen?
Kollmann: Ganz konkret bringen wir zusammen mit dem Hersteller (Anmerkung: Rheinmetall) die Kanonen in eine Nutzungsdauerverlängerung und versuchen auch ein paar zusätzliche Kanonen zu revitalisieren. In jedem Fall wird die "35er" zur Remote Weapon Station ohne Gunner und voll in das Luftlagebild integriert. Zudem trennen wir als Erkenntnis aus dem Ukraine-Krieg die Kanone, den Kontrollshelter und das Radar auch räumlich - die Verbindung stellen wir mit Lichtwellenkabel her.
In das Gesamtsystem soll zudem auch die Mistral eingebunden und ihr Ziele zugewiesen werden. Weiters wollen wir mit den Kanonen in Zukunft auch Ahead-Munition abfeuern und einen ordentlichen Fragment-Schleier in die Luft legen können. Dabei wird an einer sogenannten V0-Messbasis an der Mündung der Kanone die Geschwindigkeit jedes einzelnen Schusses gemessen und jedem einzelnen Schuss einprogrammiert, nach welcher Flugzeit er sich zu zerlegen hat. Läuft alles glatt, bekommen wir das heuer noch unter Vertrag.
Sie haben die Mistral angesprochen, da soll es auch eine Modifikation der vorhandenen Systeme geben, oder?
Kollmann: Nachdem unsere Lenkflugkörper das Ende ihrer Lebenszeit erreicht haben, haben wir eine neue Generation nachbeschafft und dabei auch gleich die in die Jahre gekommenen Abschusseinrichtungen mit neuen Wärmebildkameras und dergleichen überarbeitet. Wir holen die Mistral damit wieder auf den Stand der Technik.
Abseits der stationären sind auch Investitionen in bewegliche Abwehrsysteme geplant.
Kollmann: Den aktuellen Planungen zufolge werden wir echte Fliegerabwehrtürme auf neu zu beschaffende Pandur Evolution setzen. Diese werden voll in die Luftlage integriert und geführt sein, abre mit eigenem Radar, Maschinenabwehrkanone und Rakete auch autonom funktionieren. Wir kombinieren damit die Nächstfliegerabwehr mit Revolverkanone und die Abwehr auf größere Distanzen mit der Rakete.
Rheinmetall hat unseren Informationen zufolge seinen Skyranger 30-Turm extra für den Pandur überarbeitet und um einige Hundert Kilogramm abgespeckt.
Kollmann: Ohne zu viel verraten zu wollen: Rheinmetall hat den Turm tatsächlich massiv überarbeitet, ja.
Die Rede ist von 36 neuen Pandur Evolution mit Skyranger-Turm.
Kollmann: Ganz konkret wissen wir das selbst noch nicht, aber die Beschaffung wird sich in diesem Stückzahlbereich bewegen. Die ersten Angebote sind da, der entsprechende Einleiter ist auch bereits auf dem Weg und Ziel wäre es, das auch noch 2023 unter Vertrag zu bekommen.
Die entsprechende Beauftragung ist also bereits auf der Zielgeraden?
Kollmann: Zum leichteren Verständnis: Am Beginn jeder Beschaffung steht die Vorhabensabsicht von der Planungsabteilung. Darauf folgt das Nutzungsprofil, in dem festgehalten ist, wie das Gerät verwendet werden soll. Parallel dazu braucht es die finanzielle Abdeckung, das Vorhaben muss also im Realisierungsplan abgebildet sein. Wenn diese drei Dinge gegeben sind, wird das Vorhaben in die Bereitstellung in die Direktion 5 übergeben, dort übernimmt die Systemabteilung. Die erstellt in Zusammenarbeit mit allen relevanten Dienststellen eine Leistungsbeschreibung, in der - wie der Name schon suggeriert - die gewünschten Leistungen des Produkts beschrieben werden.
Und erst dann folgt der sogenannte Einleiter?
Kollmann: Genau. Der Einleitungsakt enthält dann aber auch bereits den Bewertungs- und Prüfkatalog, in dem alle Kriterien bewertet und geprüft werden. Damit wird am Ende des Tages objektiv der Anbieter mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis identifiziert. Je nach Wertgrenze durchläuft der Einleiter die gesamte Hierarchie bis ins Finanzministerium oder sogar darüber hinaus. Am Ende landet er jedenfalls in der Abteilung Vergabe und Einkaufsrecht und dort beginnt dann die eigentliche Vergabe und erst dort werden auch konkrete Angebote von den Herstellern eingeholt.
Die genannten Systeme sind primär gegen Drohnen, Marschflugkörper, Hubschrauber und Flugzeuge gerichtet. Ließen sich damit im Bedarfsfall auch Mörsergranaten bekämpfen?
Kollmann: Prinzipiell ja, der Skyranger stammt vom Mantis-Turm ab, der ja genau dafür konzipiert wurde. Das Radar ist in der Lage, Mörsergranaten zu entdecken. Bei uns wird es vorrangig um die Bekämpfung von Drohnen und Lenkflugkörpern gehen, aber möglich wäre es.
Kommen wir von VSHORAD und SHORAD zur nächstgrößeren Distanz, der Mid Range Air Defence (MRAD) und damit Reichweiten, die das Bundesheer noch nie hatte.
Kollmann: Wir gehen bildlich gesprochen gerade in eine große Black Box, die wir nun von allen Seiten - von der Planung bis zur Bereitstellung - ausleichten und die notwendigen Grundlagen schaffen. Natürlich kennen wir die benötigten Systeme, sie lagen aber stets außerhalb unseres Beschaffungshorizonts und daher gilt es nun auch viele Fragen zu klären. Etwa wo die Aufklärung herkommt und welche Reichweite wir bedecken wollen. Aber auch, wo wir Abfangpunkte definieren. Man darf bei der Fliegerabwehr schließlich nie vergessen: Alles, was ich raufschieße, kommt auch wieder runter. Die Abfangpunkte müssen daher so gewählt werden, dass Trümmer nicht in Ballungsräume falen - gerade in Osterösterreich [sic!] ist das nicht leicht.
Geben Sie uns bitte einen Einblick: Wie weit ist man bei den MRAD-Planungen bereits?
Kollmann: Aktuell ist die Planungsabteilung dabei, die nötigen Grundlagen zu erarbeiten und wir betreiben parallel dazu eine intensive Markrecherche ...
Medial hieß es zuletzt, dass bereits eine Entscheidung für IRIS-T von Diehl Defence gefallen wäre.
Kollmann: Wir waren im Zuge unserer Marktrecherche natürlich auch bei Diehl, um uns das System im Detail anzuschauen und zu erfahren, was in Deutschland damit geplant ist. Weiter sind wir aber nicht und nachdem die Planungsunterlagen noch nicht fertig sind, kann ich zum aktuellen Zeitpunkt nicht einmal sagen, ob IRIS-T für unsere Bedürfnisse überhaupt geeignet wäre.
Ein entsprechender Kaufabschluss ist also auf der Zeitschiene noch weiter weg?
Kollmann: Wie zuvor erklärt, braucht es zuerst die Vorhabensabsicht, erst dann können wir die nächsten Schritte setzen. Dazu kommt, dass bei derart komplexen Projekten immer auch nationale Adaptierungen notwendig sind. Solche Systeme kauft man nicht im Supermarkt, da gilt es beispielsweise national bereits in Verwendung befindliche Funksysteme zu integrieren oder das System auf dem Chassis der gewünschten Fahrzeugmarke aufzubauen. All das beschleunigt die Beschaffung nicht gerade. Wenn es so weit ist, bin ich aber zuversichtlich, dass wir auch in diesem Fall eine sehr, sehr gute Lösung finden werden - im SHORAD und VSHORAD-Bereich stehen wir ja kurz vor einem Quantensprung.
Inwiefern?
Kollmann: Wir arbeiten aktuell mit all den zuvor beschriebenen Maßnahmen an nicht weniger als einer Vollvernetzung von unserem Radarsystem Goldhaube über C-EAT und die 35-Millimeter-Flak bis ganz hinunter. Wenn das alles so kommt wie geplant, ist Österreich in diesem Bereich in ganz Europa vorne dabei.
Lassen Sie uns abschließend auch noch über die Long Range Air Defence (LRAD) sprechen. Unseres Wissens nach sind dahingehend keine Beschaffungen geplant. Setzt Österreich da voll auf Sky Shield?
Kollmann: Wenn ich die aktuellen Sky Shield-Planungen heranziehe, spielt sich das meiste davon im MRAD-Bereich ab. Ob und was darüber hinaus geplant ist, muss politisch geklärt werden und entzieht sich meiner Kenntnis.
Juster: Man kann zumindest so viel sagen, dass es momentan kein Thema ist, im LRAD-Bereich eigene Systeme zu beschaffen. Der Fokus liegt auf den anderen Bereichen.
Kollmann: Wir versuchen aktuell im VSHORAD-, SHORAD- und MRAD-Bereich in Rekordtempo verlorenes Terrain aufzuholen. Wir wagen uns damit in komplett neue Bereiche vor und arbeiten am Aufbau eines Zwiebelsystem, bei dem untere Schalen Aufgaben übernehmen können, wenn von oben Löcher ins System schlagen, und immer noch ein Schutz sichergestellt ist. Das muss das Ziel sein und genau in die Richtung bewegen wir uns.